Donnerstag, 14. August 2014

Kommt da noch was?

Diese Bild hat ja wohl überhaupt nichts mit dem Text zu tun.
„Wir wissen es nicht.“  (Hader, 2011)

Wer liest heute schon noch Blogs? Du zum Beispiel. Oder gerne auch Sie. Soviel Zeit muß sein. Und warum? Nichts besseres zu tun? Alle Bücher ausgelesen? Läuft nichts im TV? Über Google gefunden oder öfter hier? Hm? Wer blogt heute noch? Du selber? Ich darf doch Du sagen, jetzt, wo wir uns kennen. Zeigefinger mein Name. Angenehm. Ist mein Bloggeralias. Cool, nich‘ wahr? Okay, also wer schreibt heute noch allabendlich Blogposts?

Zum Beispiel Reiseblogger. Ja, die. „Das Besondere an der Insel ist, daß man immer wieder auf einen Strand stößt, wenn man geradeaus geht. Wahnsinn!“  (Eine zentrale Frage ist immer noch, wer zum Teufel Reisebloggern ihre andauernden Reisen nach Bora Bora und Mauritius bezahlt?!)

Zum Beispiel Single- oder Mädchenblogs auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und der Jagd nach Glück: Wer setzt sich heute noch jeden Abend hin und schreibt über den 23. Typen, der wieder nicht gut genug war und weggelaufen ist. „Bin ich ihm zu intellektuell? Meine Selbstreflexion war ihm wohl zu anspruchsvoll. Er wollte nie diskutieren. Wie ist das bei Euch so?“

Zum Beispiel sympathische Ruhrpottbloggermuttis: „Heut kam dat Schastin-Schannaija ausse Schule und hat gesagt das der Lerer gesagt hat du kannst froh sein dasse nich Kewin heist." Soll er ruhig.

Zum Beispiel während eines Auslandsaufenthaltes zur Information der Daheimgebliebenen: „Am meisten fehlen mir hier richtige Brötchen und ordentliche Wurst. Das Bier ist sehr dünn und schmeckt nicht mal eiskalt.“ (Ist aber auch sinnvoll, das erspart Anrufe in die entgegengesetzte Zeitzone, um Vati zu erklären, daß es nachts 02:30 Uhr ist und man gerade lieber schlafen möchte, daß man in Boston mit Hawaiihemd und Cowboyhut eher auffällt oder auch, warum man im jemenitischen Auslandssemester an Ostern nicht unbedingt frei hat. Höchstens noch zur eigenen Steinigung.)

Zum Beispiel hedonistische Blogs biederer Hausfrauen zum Überspielen augenscheinlicher Nachteile: Wer teilt sich anderen noch durch Notizen mit, in dem er die Vorzüge des losen Beischlafes in für die Nahrungszubereitung designierten Räumen lobpreist und danach Orgasmen, Kratzer und Hämatome zählt? Den Text mag man sich hier denken. Oder auch nicht. Laß mal.

Die 4 oder 5 Blogs, welche ich von den ehemals knapp 50 gelesenen heute noch sporadisch verfolge, kann ich während anfallender Wartezeiten bei Bahnfahrten, beim Friseur, im hausärztlichen Wartezimmer oder sonstwo mit meinem Smartphone abrufen. 30 Blogs davon gibt‘s schon gar nicht mehr. Der Charme einer interaktiven Homepage für Jedermann im zeitlich fortgeschriebenen, hübsch bunten HTML-Format ist futsch, das Interesse daran arg gesunken. Die Zeiten haben sich geändert. Auch hat, meines Erachtens, ein Generationswechsel stattgefunden. Jüngeren Generationen verlangt es nach Facebook, Instagram, Spotify, Twitter, Wikipedia und was weiß ich. Private Homepages und Blogs sind da sowas von uninteressant. Und viel zu langsam. Da passiert ja gar nichts.

Vor 15 Jahren waren es noch Newsgroups und fein säuberlich mit Frontpage gebastelte Homepages mit den obligatorischen Seiten „Über Mich“ und „Links“ oder den örtlichen Blasmusikverein e.V. der freiwilligen Feuerwehr Klein-Boredorf. Heute wird geliked, geadded und auf Teufel-komm-raus kommentiert; damals schrieb man gegebenenfalls mal eine E-Mail. Oder hielt die Klappe. Heute gibt jeder seinen Senf dazu; egal, ob er kann, sollte, darf oder sowieso eher Legastheniker ist. Was einst das Neuland vieler, ist heute Informationsmoloch mit schneller Befriedigung der geifernden Sensationsgier bei steigender Nachfrage und verminderter Reizaufnahme mit der Gefahr des Abstumpfens der Tugend und des gesunden Menschenverstandes nahezu aller. Puh! Starker Tobak. Erstmal Frischluft!

Ich bin älter geworden. Zeit ist kostbar, ruhige Abende sind dünn gesäht. Wenn die Kinder im Bett sind, freut man sich über Stille, ein gutes Gespräch, ein gutes Buch, über Erholung und die baumelnde Seele. Kein Bedarf, sich der Welt über Gebühr mitzuteilen, das Kommunikations-bedürfnis ist meist gegen Mittag schon gestillt, danach will man einfach mal die Klappe halten. Hinzu kommt, daß im Internet nichts mehr tabu ist; was soll schon noch kommen? Was will man denn noch posten? Das Internet wird zur Suchmaschine für spezifische Informationen (Urlaubsbuchung, Produktsuche, Stiftung Warentest, Nachrichten), der Rechner zum Bürogegenstand degradiert. Für den schnellen Mindsex hat man sein Smartphone oder Tablet am WLAN, das reicht allemal. Die Zeit ist kostbar, die Benutzung des PC auf ein Minimum verkürzt worden. Die tragbaren Suchtmaschinen erleichtern einen Wechsel vom Schreibtisch nach überall.

Lohnt es sich also noch ein Blog zu führen? Lohnt sich dieses Blog noch? Ja? Nein? Vielleicht. Wir wissen es nicht.

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